Wahner Heide
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Wetter
02.01.2018, 20:03 Uhr

Der Tag der Artenvielfalt auf der Heideterrasse

Neu- und Wiederfunde des b├╝rgerwissenschaftlichen Forschermarathons im Juni 2016

Untersuchungspunkt am Fliegenberghang in der Wahner Heide
© Holger Sticht
Am 18. und 19. Juni 2016 fand die bundesweite Hauptveranstaltung des GEO-Tags der Artenvielfalt auf der Bergischen Heideterrasse statt. Obwohl diese Veranstaltungsreihe insbesondere dazu dient, f├╝r die biologische Vielfalt und ihre Erforschung zu werben - an diesem Wochenende lieferte sie trotz schlechter Wetterbedingungen auch aus wissenschaftlicher Sicht einige bedeutsame Erkenntnisse.

Der GEO-Tag der Artenvielfalt ist die gr├Â├?te Feldforschungsaktion Europas. Wie auch in den drei Jahren zuvor war der Bund f├╝r Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Partner der Zeitschrift GEO bei der Ausrichtung der Hauptveranstaltung, die in diesem Jahr unter dem Leitmotiv "Biotopverbund" stand. Unterst├╝tzt wurden sie u.a. durch die Stadt Troisdorf als Gastgeber des Forschercamps.

Gerade die s├╝dliche Heideterrasse war f├╝r dieses Thema pr├Ądestiniert, weil hier beispielsweise das B├╝ndnis Heideterrasse, ebenfalls einer der Projektpartner, seit Jahren Ma├?nahmen der Wiedervernetzung initiiert und umsetzt. Eine besonders anspruchsvolle Aufgabe aufgrund der Lage an einem der gr├Â├?ten Ballungsr├Ąume der Welt mit unz├Ąhligen Stra├?en und Nutzungsinteressen.

Der Naturraum Bergische Heideterrasse ist ein oft kaum einen Kilometer schmales, aber ungleich l├Ąngeres Landschaftsband, das sich auf der rechtrheinischen Mittel- und Hauptterrasse von der Sieg im S├╝den bis zur Ruhr im Norden erstreckt. ├?ber 25 Naturschutzgebiete sollen diesen Hot Spot der biologischen Vielfalt sichern, u.a. mit dem gr├Â├?ten Nordrhein-Westfalens: den durch Gr├╝nbr├╝cken wieder verbundenen Wahner Heide und K├Ânigsforst.

Auch in diesem Jahr ging es wieder darum, biologische Vielfalt sichtbar, aber auch ihre Erforschung erlebbar zu machen. Denn nicht nur die Artenvielfalt, auch die Artenkenntnis schwindet. Eine bedenkliche Entwicklung vor dem Hintergrund, dass unser Wissen um Vorkommen und Verbreitung von Arten sowie unsere Roten Listen haupts├Ąchlich ehrenamtlich ermittelt werden. Ohne solche Kenntnisse k├Ânnten keine geeigneten Schutzma├?nahmen entwickelt und umgesetzt werden. Der b├╝rgerwissenschaftliche Ansatz, den sich auch der GEO-Tag zu Eigen macht, hat sich als eines der wichtigen Instrumente erwiesen, um hier gegensteuern zu k├Ânnen. Hier werden Wanzen und Spinnen pl├Âtzlich auch f├╝r Laien zug├Ąnglich und sogar attraktiv, der anonyme Begriff der biologischen Vielfalt bekommt viele bunte Gesichter.

So auch am dritten Juni-Wochenende im Jahr 2016. Aus ganz Deutschland waren Expert*innen angereist, um u.a. die Ohligser Heide bei Solingen, die Dellbr├╝cker Heide bei K├Âln und die Wahner Heide bei Troisdorf unter die Lupe zu nehmen und an ihrem Wissen teilhaben zu lassen. Dabei konnte und sollte systematische Erforschung ├╝ber Monate und Jahre nicht ersetzt, sondern vielmehr bef├Ârdert werden. Das zeigt das Beispiel der Tausendf├╝├?er.

Sumpfgras-Spannereule
© Tim Lau├?mann
Jedes Kind kennt diese Tiere, doch wissen wir vergleichsweise wenig ├╝ber sie. Weder f├╝r Deutschland noch f├╝r NRW gibt es eine Rote Liste, weil es zu wenige Tausendf├╝├?erforscher gibt. Deswegen wissen wir auch kaum, wie es um sie bestellt ist und was wir ggf. f├╝r ihren Schutz tun m├╝ssten. Auf der s├╝dlichen Heideterrasse konnten Dank des GEO-Tags erstmalig ├╝berhaupt Aufnahmen ├╝ber diese Gruppe durchgef├╝hrt werden. Die chinesische Forscherin Weixin Liu und Dr. Thomas Wesener vom Zoologischen Forschungsmuseum K├Ânig fanden in Dellbr├╝cker Heide, Wahner Heide und Lohmarer Wald insgesamt 21 Arten aus den Klassen der Hundertf├╝├?er Chilopoda und der Doppelf├╝├?er Diplopoda. So konnte zumindest schon einmal eine Basis f├╝r weitere Untersuchungen und ihre Bewertung im Gebiet und dar├╝ber hinaus in NRW gelegt werden.

Bei Artengruppen, die ungleich besser untersucht sind oder ├╝ber welche Untersuchungen aus der Vergangenheit vorliegen, k├Ânnen die Ergebnisse unmittelbar bewertet werden. Beispielsweise bei Wanzen und Schmetterlingen war dies der Fall. Aber der Reihe nach.

In der Ohligser Heide gelangen bei n├Ąchtlichen Lichtf├Ąngen die meisten Nachweise von Schmetterlingen. Sicher auch, weil der Regen im n├Ârdlichsten Untersuchungsraum des Wochenendes, anders als an allen anderen Standorten, abends abklang.

Besonders bedeutsam war der Nachweis der Sumpfgras-Spannereule Macrochilo cribrumalis. Die Art, deren Raupen u.a. an verschiedene Seggenarten gebunden sind, ist in NRW vom Aussterben bedroht. Der Sumpfwiesen-Perlmutterfalter Boloria selene ist ein in der Niederrheinischen Bucht vom Aussterben bedrohter Tagfalter, der ├Ąhnliche gesch├╝tzte und gef├Ąhrdete Lebensr├Ąume besiedelt, doch zur Fortpflanzung verschiedene Veilchenarten auf unbewaldeten Standorten ben├Âtigt.

Ein besonderes Highlight war die mehrfache Beobachtung der in NRW vom Aussterben bedrohten Gro├?en Moosjungfer Leuchorrhinia pectoralis, sowohl in der Ohligser Heide als auch im FFH-Gebiet Further Moor. Letzteres k├Ânnte tats├Ąchlich eine Fortpflanzungsst├Ątte dieser als FFH-Art EU-weit streng gesch├╝tzten Libellenart der Moorgew├Ąsser darstellen. Der belastbare Nachweis der Bodenst├Ąndigkeit kann vielleicht in den kommenden Jahren ├╝ber die Larven oder Larvenh├Ąute erbracht werden, der GEO-Tag lieferte hier einen wichtigen Anhaltspunkt.

Nachbestimmung im BUND-Bufo-Bus an der Burg Wissem
© BUND RSK
Die Untersuchungen in der Wahner und Dellbr├╝cker Heide wurden durch die denkbar schlechte Wetterlage beeintr├Ąchtigt. F├╝r die Jahreszeit ungew├Âhnlich niedrige Temperaturen und Dauerregen am 18. Juni, bis tief in die Nacht des 19. Juni hinein machten Nachweise bei einigen Artengruppen - so zum Beispiel bei Bienen oder Heuschrecken - schwer bis unm├Âglich. Umso erstaunlicher sind einige der Beobachtungen.

In der Dellbr├╝cker Heide konnte der Pilzkundler Lothar Radtke erstmalig den Zwerg-Bovist Bovista pusilla feststellen. Die in NRW stark gef├Ąhrdete Art ist auf trockene und n├Ąhrstoffarme, unbewaldete Sandb├Âden angewiesen. Ebenfalls erstmalig ├╝berhaupt wurde Dank des GEO-Tags die Ameisenfauna des Gebiets untersucht. Die Ausbeute von 10 Arten war dem miserablen Wetter geschuldet, doch waren diese immerhin allesamt Erstfunde. Und mit Tapinoma subboreale gelang der Nachweis einer in NRW stark gef├Ąhrdeten Art, die in Sandtrockenrasen kleine H├╝gelnester errichtet. Helga Simon konnte 28 Wanzenarten erstmalig f├╝r das Gebiet feststellen, darunter auch die bundesweit gef├Ąhrdete und auf Besenginster spezialisierte Weichwanze Asciodema obsoleta.

In der Wahner Heide tummelten sich an zahlreichen Standorten die mit Abstand meisten Entdecker, sodass hier die Zahl der Funde die der anderen Heideterrassengebiete naturgem├Ą├? ├╝bertraf.

Der Fund der aus Ostasien stammenden S├╝├?wasserqualle Craspedacusta sowerbii war nicht nur wegen dieser au├?ergew├Âhnlichen Art, sondern auch wegen ihres Entdeckers spektakul├Ąr: der 13 Jahre junge Stefan Emmerich wusste mit seinem profunden Wissen zur Limnologie und seiner Leidenschaft f├╝r die biologische Vielfalt zu begeistern. Er stand beispielhaft f├╝r die Vielzahl der Forscher*innen, die ja tats├Ąchlich kein Biologiestudium aufweist, sondern vielmehr zeigt, dass Talent und Wissensdurst entscheidende Voraussetzungen darstellen. Er brachte eine Meduse vom F├Ârstchensteich zum Forschercamp an der Burg Wissem mit, sodass viele - auch Millionen von WDR-Zuschauern - ihre erste S├╝├?wasserqualle zu Gesicht bekamen. Immerhin der Erstfund dieser Art f├╝r das Gebiet der Heideterrasse, wenngleich sie - nach ihrer Entdeckung im Dornheckensee bei Bonn im Jahr 1956 - inzwischen an vielen Stillgew├Ąssern der Region gefunden worden ist.

Wissenschaftlich bedeutsamer waren da die f├╝r den Naturraum neuen Funde hochgradig gef├Ąhrdeter Fledermausarten. Ein Forscherteam um Simon Rippberger vom Naturkundemuseum Berlin konnte in der Wahner Heide die Bechsteinfledermaus Myotis bechsteinii an der H├Ârwiese und den Altenrather Fischteichen, die in NRW vom Aussterben bedrohte Mopsfledermaus Barbastella barbastellus im Geisterbusch und die Breitfl├╝gelfledermaus Eptesicus serotinus am Paradeplatz erstmalig feststellen.

© Jochen Vorfelder
Aufgrund des Regenwetters waren die Insektenfunde vergleichsweise unterrepr├Ąsentiert. Dies galt zumindest hinsichtlich der Arten- und Individuenzahlen auch f├╝r die n├Ąchtliche Suche nach Schmetterlingsarten. W├Ąhrend sich die Kreuzkr├Âten Bufo calamita - in der Wahner Heide h├Ąufig, aber bundesweit gef├Ąhrdet - an den wiederauff├╝llenden Laichgew├Ąssern erfreuten und dies mit Balzch├Âren lautstark bekundeten, mussten die Forscher*innen eine gro├?e Beharrlichkeit an den Tag - oder besser gesagt die Nacht - legen, um Entdeckungen zu machen. Aber dies sollte sich lohnen.

So konnte Marko Eigner den Nesselglockenblumen-Bl├╝tenspanner Eupithecia denotata, eine in ganz NRW gef├Ąhrdete Art, zum ersten Mal ├╝berhaupt f├╝r die Niederrheinische Bucht in der Altenrather Tongrube nachweisen. Er bestimmte auch den Rotrandb├Ąr Diacrisia sannio, der in der Niederrheinischen Bucht bislang als ausgestorben galt. Er war bereits im Jahr zuvor in der n├Ârdlichen Wahner Heide wiederentdeckt worden. J├Ârg Glaser von der Entomologischen Fachgruppe der Uni Chemnitz gelang am selben Standort der Wiederfund des in Nordrhein-Westfalen als ausgestorben geltenden Espen-Saumspanners Epione verspertaria.

Bei den Wanzen dagegen war auch die Artenzahl erstaunlich hoch. Bei bisher f├╝r die Wahner Heide 218 bekannten Arten konnten u.a. Helga Simon sowie Susanne Gruber und Viktor Hartung an diesem Wochenende 129 Arten finden. Dazu z├Ąhlten mit der Bodenwanzenart Peritrechus gracilicornis und der Weichwanze Systellonotus triguttatus - beide bisher leider ohne deutsche Namen - 2 Arten, die erstmalig f├╝r NRW entdeckt werden konnten.

So hatte diese letzte Biodiversit├Ątsinventur unter dem Titel "Tag der Artenvielfalt", die seit 2017 unter dem Namen "GEO-Tag der Natur" firmiert, aller nassen Umst├Ąnde zum Trotz doch einige erstaunliche Funde erm├Âglicht.

Allen, die ihr Wissen und ihre Zeit hierf├╝r zur Verf├╝gung gestellt hatten, sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Die Daten stehen nun nach ihrer Auswertung auf Anfrage zur Verf├╝gung und werden durch die AG ├?kologie im B├╝ndnis Heideterrasse weiter gepflegt.

Eindr├╝cke vom GEO-Tag 2016 

HS