Wahner Heide
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12.01.2018, 12:34 Uhr

Außenseiter Wildschwein

Die R√ľckkehr dieser Schl√ľsselart ist ein Gl√ľcksfall f√ľr unsere √Ėkosysteme...

Dösende Wildschweine - Attraktion von Wildparks gerade bei Kindern. Viel interessanter aber ist ihre Beobachtung in der freien Landschaft
© Holger Sticht
Die R√ľckkehrer sind in aller Munde, gerade bei den S√§ugetieren. W√§hrend aber die R√ľckkehr von Wolf, Biber oder Fischotter zu Recht allgemein als Gewinn und Gl√ľcksfall gesehen wird, tun sich Viele beim Wildschwein schwer. Zu Unrecht.

Auch das Wildschwein (wissenschaftlich Sus scrofa, was √ľbrigens soviel bedeutet wie "Schwein-Mutterschwein") war in weiten Teilen Deutschlands in den 1930er Jahren durch Bejagung ausgerottet. So gab es beispielsweise in Baden-W√ľrttemberg und Schleswig-Holstein um 1940 keine Wildschweine mehr.

Knapp einjährige Wildschweinspur mit Silberfingerkraut, Roter Schuppenmiere, Natternkopf und Sandbienennestern
© Holger Sticht
In NRW hatte es in mehreren kleinen, voneinander isolierten Gebieten √ľberleben k√∂nnen, zu denen auch die Wahner Heide z√§hlt. Von dort aus startete nach dem Zweiten Weltkrieg die selbst√§ndige Wiederbesiedlung, die bis heute anh√§lt - obwohl das Wildschwein nie unter Naturschutz stand.

Diese Erfolgsgeschichte hat mehrere Ursachen. Die Jagd war in den Nachkriegsjahren aufgrund des Verbots des Waffenbesitzes stark eingeschr√§nkt, sodass sich die kleinen Restpopulationen erholen konnten. Dazu trug auch die nat√ľrlicherweise hohe Nachkommenschaft beim Wildschwein bei, die allerdings erforderlich ist, um die in harten Wintern hohe Verlustrate auszugleichen. In den letzten Jahrzehnten wirkte sich vor allem die gestiegene Nahrungsverf√ľgbarkeit positiv aus - nicht nur auf den landwirtschaftlichen Nutzfl√§chen, sondern auch im Wald durch die geh√§ufte Fruchtbildung bei Eiche und Buche, die mit der Menschen gemachten Klimaver√§nderung korreliert. Und die Jagd dient l√§ngst in erster Linie der Freizeitbesch√§ftigung, nicht mehr der Nahrungsbeschaffung. Und zu diesem Hobby z√§hlt auch die Hege.

Das gefährdete Hundsveilchen auf einem im Jahr zuvor durch Wildschweine bearbeiteten Sandmagerrasen
© Holger Sticht
Die französische, nach der leitenden Wissenschaftlerin benannte "Servanty-Studie" von 2009 belegt anhand 22 Jahre währender Forschung, dass die Vermehrungsrate in nicht bejagten Beständen niedriger als in bejagten liegt. Darauf deutet auch die Jagdstrecke (durch Jäger pro Jagdjahr getötete Tiere) hin: beim Wildschwein nimmt sie in NRW bei nahezu flächendeckender Jagd im Außenbereich kontinuierlich zu, während die Zahl der Konflikte steigt.

Inzwischen hat das Wildschwein sogar ein "Image-Problem". Dabei ist es eine wichtige Schl√ľsselart in unseren √Ėkosystemen, u.a. weil sie durch ihre W√ľhlt√§tigkeit Rohb√∂den schafft, die f√ľr zahllose Artengemeinschaften, z.B. f√ľr konkurrenzschwache Pionierpflanzen, unersetzlicher Lebensraum sind.

Mobiler Elektrozaun an Maisacker in der Eifel
© Holger Sticht
Die Konflikte mit der Landwirtschaft k√∂nnen - mit mehr Aufwand, aber daf√ľr effektiv - durch mobile Elektroz√§une deutlich gemindert werden. Sie beugen landwirtschaftlichen Sch√§den vor und entziehen den Wildschweinen gleichzeitig eine k√ľnstliche Nahrungsquelle. Das ist wichtig, da die Gr√∂√üe und Dichte der Wildschweinbest√§nde in erster Linie √ľber die Nahrungsverf√ľgbarkeit gesteuert werden, nicht √ľber Beutegreifer oder J√§ger, die diese ersetzen wollen. Zunehmend r√ľcken Wildschweine aber auch dem Menschen "auf die Pelle". Denn die intelligenten Tiere lernen schnell, dass die jagdlich befriedeten Siedlungsbereiche f√ľr sie sicherer sind als der Au√üenbereich, wo sie meist stark verfolgt werden.

Die Forderung nach mehr Jagd verst√§rkt das Problem, das zeigen die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Erfahrungen der vergangenen Jahre. Die L√∂sung ist neben der Anpassung der Zaunanlagen an den Siedlungsr√§ndern die Beschr√§nkung der Jagd auf Randzonen des Au√üenbereichs, und auch hier h√∂chstens auf einj√§hrige Tiere. Denn wenn die Sozialstruktur der Wildschweinverb√§nde im wahrsten Wortsinn "zerschossen" wird, f√ľhrt dies erfahrungsgem√§√ü dazu, dass mehr weibliche Tiere fr√ľher tr√§chtig werden.

HS