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14.01.2017, 12:21 Uhr

10 Jahre nach Kyrill

Orkan war ein Schrecken für den Forstbesitzer, aber ein Segen für die Natur...

Meer aus Rotem Fingerhut im Königsforst 2009 auf einer durch Kyrill niedergelegten Fichtenanbaufläche
© Holger Sticht
Der Orkan Kyrill, der Nordrhein-Westfalen am 18. und 19. Januar 2007 heimsuchte, sorgte bis heute für unzählige Schlagzeilen. In Bezug auf Natur und Landschaft war meist von "Verwüstungen" und "Waldschäden" die Rede. Tatsächlich entpuppte sich der Orkan als Segen für die Artenvielfalt und große Entwicklungschance für die durch Forstwirtschaft gebeutelte Landschaft.

Zunächst einmal darf festgehalten werden: Luftbewegungen sind ein natürliches Phänomen, das ungefähr so alt wie dieser Planet ist. Insofern ist es nicht überraschend, dass es Habitate und Arten gibt, die von diesen dynamischen Ereignissen profitieren.

Königsforst am 20. Januar 2007: nur die Anbauflächen aus Nadelholz wurden geschädigt
© Holger Sticht
Die Bewaldung ist in der naturnahen und natürlichen Landschaft kein stabiler Zustand, sondern häufig nur eine Momentaufnahme, eine Sukzessionsphase von begrenzter Dauer. Überalterung, Feuer, Insektenmassenvermehrungen, Wind- und Eisbruch, durch Insekten, Pilze oder Bakterien hervorgerufene Krankheiten usw. können zu variierenden Zeitpunkten zu einem Zusammenbruch des Waldes führen. An die sich an den Zusammenbruch anschließenden Vegetationsphasen, z.B. Ruderal- und Pionierwaldphase sind zahlreiche Arten und Pflanzengesellschaften gebunden. Dass all diesen verschiedenen Phasen in unserer heutigen Landschaft, selbst in den meisten Naturschutzgebieten kein Raum mehr gegeben wird, ist eine der wesentlichen Ursachen für den nach wie vor anhaltenden Artenschwund. Insofern war aus Naturschutzsicht, und das kann an dieser Stelle anhand der Aufnahmen für den Naturraum der Bergischen Heideterrasse belegt werden, der Orkan ein positives und wichtiges Ereignis.

Mai 2010 auf Kyrillfläche im Königsforst: Ginsterheide, wo 4 Jahre zuvor außer Fichte nichts wuchs oder blühte
© Holger Sticht
Der gefährdeten Vogelarten Feldschwirl und Baumpieper, die durch die Aufforstungen Mitte des 20. Jahrhunderts verdrängt worden waren, konnten nur aufgrund des Orkans wieder phasenweise das Naturschutzgebiet Königsforst besiedeln. Auch bundesweit gefährdete Arten wie Zauneidechse und Schlingnatter konnten im Königsforst wieder häufiger aufgefunden werden, wahrscheinlich weil sie sich auf den zahlreichen neu entstandenen Lichtungen wieder erfolgreich vermehren konnten. Das in NRW gefährdete Hundsveilchen tauchte neben dem Heidekraut in der Schluchter Heide an Stellen wieder auf, wo jahrzehntelang Fichtenforste kein Licht an den Boden ließen.

Calluna-Heide und Straußgrasflur auf Kyrillfläche in der Schluchter Heide 2009
© Holger Sticht
Nicht nur vor dem Hintergrund, dass Orkane natürlich und ökologisch bedeutsam sind, ist es sachlich falsch, von Waldschäden zu sprechen. Denn in den wenigsten Fällen wurden durch Kyrill tatsächlich Bäume in Wäldern entwurzelt, sondern es wurden Forste, d.h. durch Anpflanzung begründete Holzplantagen niedergelegt. Nach wissenschaftlicher Definition sind Wälder nur solche Bestände, die aus der selbständigen Vegetationsentwicklung hervorgehen. Angepflanzte Baumbestände dagegen sind Forstökosysteme, keine Waldökosysteme. Diese Forste zeichnen sich durch eine monotone Altersstruktur, Strukturarmut aufgrund der unnatürlich engen Pflanzung und häufig auch durch nicht standortheimische Arten oder Sippen aus. So wurden auf der Heideterrasse fast ausnahmslos Fichten, Douglasien, Tannen und Kiefern entwurzelt, die von Natur aus hier gar nicht vorkommen.

Insofern darf also weiterhin festgehalten werden: es gab Forstschäden, d.h. forstwirtschaftliche Schäden, aber Waldschäden gab es de facto nicht. Diese Forstschäden sind natürlich aus Sicht des Forsteigentümers beklagenswert, aber ursächlich auch in der nicht angepassten Bewirtschaftung zu suchen. Letztendlich ist es der fehlerhafter Anbau, nicht der Orkan gewesen, der zu den wirtschaftlichen Schäden geführt hat.

HS
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